Beizenkritik
Geschrieben von: Werner Frei   
Sonntag, den 10. April 2016 um 00:00 Uhr

Als Quartett von treuen Tssemer Leser/-innen beschliessen wir, dass es zwar eine unbestechliche Gastrokritik gibt, es aber an einer fundierten Beizenkritik fehlt. Wir sind zwar nicht ganz unbestechlich, Free Drinks werden positiv erwhnt, aber unser Planungsvorhaben ist seris: Wir testen jede Beiz zwischen Tss und Winterthur, Anzahl der Etappen offen.

Treffpunkt 18.30h an der Zelglistrasse. Wir sind froh, bei der berquerung der Autobahnausfahrt per Velo nchtern zu sein empfehlenswert auch darum, weil hintenan eine gross angelegte Polizeikontrolle steht. Fr die Augen des Gesetzes schalten wir schnell die Velobeleuchtung ein. Schliesslich wollen wir eine hierarchisch gefhrte Diskussion ber Dmmerzustand (atmosphrisch, nicht den unseren...) und Lichtbedarf mglichst vermeiden. Wir halten schon mal Ausschau nach Alternativrouten fr den Rckweg.

Erster Stopp Billabong, das Lokal wirkt sympathisch: Nebst den blichen Verdchtigen hocken auch gemtliche Jasserinnen und Essensgste vor grossen Portionen. Hinter der Theke gewhrt uns ein geschtztes Mitglied des Quartiervereins Eichliacker einen freundlichen Empfang. Die Drinks sind australisch gut, die Nsse gratis und das Fumoir-Zelt so warm, dass man es eher fr die Beiz als fr das Fumoir hlt, zumal die Flche des letzteren etwa doppelt so gross ist. Als der Englnder unter uns meint, die halbe Rechnung vom Wirt bereits prchenweise getrennt sei das Total und Blondie ihre fr die Ausgangsnacht sorgfltig gewhlte Handtasche treffsicher in den vollen Hundenapf stellt, ist es Zeit zum Gehen.

An der Steigstrasse verkneifen wir uns den Impuls, die Baugrube des Freizeitparks als BMX-Bahn zu missbrauchen und parkieren unsere Velos neben Lamborghinis und Mercedes. In der Mangal Bar fallen gleich mehrere Dinge ins Auge: die eindrcklichen Tischgrills, das geschmackvolle Dekor und der grosse Mnnerberschuss man(n) isst hier discrtion... Ali ist unser ausgesprochen netter Kellner, der die unwiderstehlichen Mezze und Pide stets im richtigen Moment nachliefert. Beim Fleischnachschub mssen wir kapitulieren. Noch rasch ein Selfie mit Ali, wobei ausgerechnet Blondie den Selfie Stick fr ein ausgeklgeltes Grillspiess-Modell hlt. Dann wechseln wir fluchtartig von der durch die Vllerei unertrglich werdenden Hitze in die andere Restauranthlfte, zur typisch wehmtigen Life-Musik. Dabei hatte unsere restaurantkundige Primadonna doch Bauchtanz angekndigt?! Primadonna kann zwar ihren dreijhrigen Rabattgutschein trotz ausgedehnten Diskussion mit dem jetzigen Geschftsfhrer nicht einlsen (Tischgesprch fnf Minuten vorher: Primadonna schmt sich, wenn Tschingg in Italien auf dem Bazar handelt). Dafr sind die vier Appenzeller gratis. Wie sonst auch will das Mangal den Appenzeller je loswerden? Der Englnder kndet an, den Bergschnaps nur wegen des optischen Tricks mit der bluten Frau zu leeren. Die Einheimischen klren ihn auf: falsche Nation, falsches Gesff, falsches Gefss er trinkt ihn dann trotzdem. Der Beschluss ist einstimmig: Fr feines orientalisches Essen reisen wir in Zukunft nicht mehr stlich, sondern sdlich. Uneinigkeit herrscht nur darber, ob wir jede Etappe am selben Ausgangspunkt beginnen jedoch nchstes Mal ohne Appenzeller.

Auf dem Rckweg in bewohnte und gewohnte Gebiete will der Tschingg zwar unbedingt mit dem Velo auf die Autobahn und der Englnder fhrt zeitweise links statt rechts, trotzdem kommen wir unbeschadet in Tss an. Das Mirada lassen wir schweren Herzens links liegen. Schliesslich ist das Restaurant mit dem gnstig-feinen Essen und der herzlichen Atmosphre gengend bekannt und beliebt. Nur die meist gesetzeskonforme Schweizerin pocht auf Einhaltung der Regel jede Beiz, sie wird berstimmt.

Primadonna blufft damit, Mitglied der AG Integration zu sein, was sie keineswegs davon berzeugt, dass die Champions Bar zwecks Vlkerverbindung eine gute Wahl ist. Als wir eintreten, verstummen die Spieler und starren die Augenpaare. Vielleicht kommt es uns nur deshalb so godfatherisch vor, weil Primadonna und der Englnder eben noch darber gestritten haben, ob Al Pacino oder De Niro den jungen Corleoni spielt. Ein Spruch, ein paar Lacher und wir sind herzlich willkommen, trinken Kaffee und freuen uns zusammen mit dem Barmann ber neu gefundene Einsichten: Wenn dir das Wasser bis zum Hals steht, lass den Kopf nicht hngen (Zuckerbriefchen-Weisheit). Wir sind gebhrend beeindruckt von der belesenen Primadonna, welche die tiefschrfende Erkenntnis mit einem weiteren Carl Valentin-Spruch toppt: Frher war die Zukunft auch besser. Bei unserem vielseitigen Sttigungsrad verzichten wir dann aber auf Detailkenntnisse ihrer aktuellen Bettlektre Darm mit Charme.

Da wir schliesslich geschftlich hier sind, muss der lokale Alkohol getestet werden: gut schmeckender albanischer Brandy. Der Englnder erhlt den Drink als erster englischer Gast der Bar gratis. Scheinbar sind wir nicht die ersten Scheizerinnen in der Champions-Bar, was uns doch etwas erstaunt.

Wir suchen verzweifelt den pltzlich abhanden gekommenen Tschinggen. Ein aufmerksamer Barbesucher weist uns darauf hin, dass der das Weite gesucht hat, sobald es ums Zahlen ging. Wir vermuten hingegen, er hat das Kleingedruckte Castrioti auf der albanischen Brandyflasche gelesen und ist in Panik geraten.

Wieder vollzhlig machen wir uns auf den Weg mit dem Versprechen, den Tssemer mit dem Beizenbericht persnlich vorbei zu bringen. Niemand im Lokal kennt das Quartierblatt allerdings sind sich die Barmnner auch nicht ganz einig, ob sie berhaupt einen Briefkasten besitzen.

Aus den Augenwinkeln nehmen wir wahr: da grilliert doch einer auf dem Trottoir?! Fahrend in einem Zustand von Ich bin auch ein Tram rufen wir zurck: Bist du auch eine Beiz? Nach halbherziger Bejahung (Ich/wir sind ein Club!) kommt es zur sofortigen Mitgliedschaft und Verbrderung. Von der amerikanischen Atmosphre des Clubs inspiriert versucht der Englnder, sich cowboymssig auf seinen Drahtesel zu schwingen, was weder Reiter noch Pferd besonders elegant aussehen lsst. Am Ende von Etappe 1 trennen wir uns im Wissen, dass a) nur die Frauen sich an den Vorsatz gehalten haben, gleichviel Wasser wie Alkohol zu trinken und dass b) noch ein paar Etappen folgen werden, aber eher ohne Erlebnisbericht...

AutorInnen

Tizihof, Conlon & Mller wohnen dies- und jenseits der Blacher-Bahnlinie