Zurück in die Baracken?
Töss-Blog
Geschrieben von: Werner Frei   
Donnerstag, den 16. Januar 2014 um 00:00 Uhr

Jedes Mal, wenn ich an der Kadettenhütte an der Eichliackerstrasse vorbeikomme erinnere ich mich an meine Kindheit. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts standen dort die Baracken für Fremdarbeiter, meist aus Italien. Ich nehme an, die heutige Kadettenhütte ist eine dieser Baracken. In diesen Baracken lebten dicht gedrängt Männer, Arbeiter, wahrscheinlich meist  Bauarbeiter. Häufig standen Türen und Fenster offen, überall hing Wäsche zum Trocknen und Kleider zum Lüften. Wenn wir Kinder aus dem Tössfeld auf einem Ausflug mit dem Trottinett vorbeikamen und neugierig schauten, wurden wir in einer fremden Sprache begrüsst. Daheim hiess es allerdings:"Geh nicht zu den Italienern" und Frauen oder Mädchen, die angeblich dort gesehen wurden, waren Gegenstand übler Gerüchte.

Gegen das Jahresende wurde es ruhig in den Baracken, die Bewohner musste für einigen Zeit die Schweiz verlassen, um dann im nächsten Jahr, falls sie noch gebraucht wurden, wieder zu kommen; so wollte es das damalige Saisonnier-Statut. Das wusste ich damals noch nicht, aber die alljährliche Abreise, die zugeschnürten Koffer, die offensichtliche Freude auf das Wiedersehen mit der Familie, das erlebte man auf dem Bahnhof in jenen Tagen.
Nun stimmen wir am 9. Februar darüber ab, ob wir wieder solche Verhältnisse wie damals wünschen. Die Abschottungsinitiative soll es ermöglichen, dass wieder wie zu Zeiten des Saisonnier-Statuts, die Zahl der Eingewanderten sowie deren Aufenthaltsdauer beschränkt werden kann und dass sie wieder wieder gezwungen werden, hier ohne ihre Familie zu leben, jederzeit von der Ausschaffung bedroht, wenn ihr Chef sie nicht mehr braucht oder will.
Diese Initiative wird also gar nichts an der sogenannten "Masseneinwanderung" ändern, sie wird nur die Rechte der Eingewanderten - übrigens auch derjenigen, die bereits heute bei uns leben, massiv einschränken. Damit wird vor allem erreicht, dass den Firmen genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, welche zu Tiefstlöhnen arbeiten und somit das allgemeine Lohnniveau - auch der Schweizer - gedrückt wird.
Ganz unabhängig von der Frage der bestehenden Verträge mit der EU ist diese Initiative schädlich, sie hilft höchstens denen, welche möglichst viele billige Arbeitskräfte aus dem Ausland wollen.

 

 

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Werner Frei,
aufgewachsen im Tössfeld,
wohnt seit 1992 im Eichliacker