Bauern und die Fabrik
Töss-Blog
Geschrieben von: J.C. Heer   
Dienstag, den 02. Oktober 2012 um 21:41 Uhr

Im Sommer traten nur wenige Sitten und Gebräuche hervor, die als altes Volksgut sollten gelten können, eher etwa ein Schützen-, Sänger- oder Jugendfest - z. B. die Einweihung des neuen Schulhauses im Jahr 1865, bei der alle Kinder nach Los zum Mittagessen in andere als die eigenen Familien zugeteilt waren, ein hübsches Bild dörflicher Zusammengehörigkeit.

Diese stand damals noch in Blüte, der Gegensatz zwischen dem alten Bauerntum und der aufstrebenden Industrie wie die Bildung politischer Parteien kam erst mit der Revisionsbewegung von 1867 zur merkbaren Geltung. Die Kritik an den Behörden war noch wenig entwickelt, man lebte nach dem Grundsatz "Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand" und die ländlich aristokratische Würde der Gemeinderäte, der Friedensrichter und Kirchen- wie Schulpfleger stützte den frommen Glauben.

Was eher etwa schleichende Spannung ins Dorf brachte, war ein stiller Kampf der grössern Sippen, der Weilenmann, der Lehmann, Bretscher und Heer, vielleicht auch noch anderer, um die Vorherrschaft, und in den Kämpfen um die Aemter wurden jahrhundertealte Familiensünden ausgegraben und einander vorgeworfen: "Euer Urgrossvater ist ja auch einmal beim Holzstehlen erwischt worden und kam ins Schellenwerk [Zwangsarbeit für geringere Vergehen] auf der Kyburg! - Und Eure Urgrossmutter musste in der alten Klosterkirche während des gesamten Gottesdienstes im Strohkränzlein am Taufstein stehen!" So stritten die Alten.

 

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Der Gegensatz Bauerntum und Industrie machte sich deswegen wenig fühlbar, weil die Landwirte spürten, wie die Fabrikarbeiter doch bares Geld im Dorf verbreiteten, die Mechaniker namentlich. Und diese waren zum guten Teil ächte Tössemer Söhne, die sich am Beispiel fremder Arbeiter herangebildet hatten. Die Anfänge der etwa dreissig Jahre früher entstandenen Industrie gingen in ihrem bescheidenen Ausmass auf Zugewanderte, meist Deutsche zurück. Sie waren die Lehrmeister der Einheimischen. Nun aber kam in Bauernfamilien häufig der Fall vor, dass sich die Söhne trennten, der Aelteste übernahm schon früh den Besitz des Vaters. Der Jüngere oder die Jüngeren traten in die Fabrik und oft wohnten Bauern und Industriearbeiter mit ihren Familien unter dem nämlichen väterlichen Dach. Woher also soziale Gegensätze?-

Fast alle damaligen Schlosser und Dreher besassen sogar noch ihr eigenes Haus oder Häuschen mit einem kleinen Viehstand von einer Kuh und ein paar Ziegen, Wies- und Ackerland und Obstbäumen und einem Stücklein Reben. Bei der zwölfstündigen Geschäftszeit des Mannes lag der kleine Bauernbetrieb meist auf der Frau. Doch ist mir in meinen Erinnerungen auch der Arbeiter geläufig, der noch im Mondschein seine Reben "grubte" und den Mist hinauf an die steilen Halden trug. [...]



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Jakob Christoph Heer, Schriftsteller (Geb. 17. Juli 1859 in Winterthur-Töss; Gest. 20. August 1925 in Zürich)