Eini vo Agasul
Geschrieben von: J.C. Heer   
Dienstag, den 25. September 2012 um 22:01 Uhr

Die ungemeine Wertschtzung des Weinbaues lag nun einmal dem Volk im Blut und keine Enttuschung machte es irre. "Der Weinstock will sich zehn Jahre hinter dem Bauern verbergen knnen", ging bei geringen Herbsten die Rede, "daraufhin darf sich der Bauer auch zehn Jahre hinter die Rebe verstecken!" Wenn einer von Tss im reichen Winterthur einen Schuldbrief zu errichten suchte, war die erste Frage: "Ist eine Stck Reben dabei? - Nein, ohne eine halbe Juchart verschriebene Reben kreditiere ich nicht."

In hundert Wendungen prgte sich die Liebe fr die Reben aus, namentlich in den unendlich vielen Flurnamen des Weinberges. Wer wsste sie heute noch alle? Da gab es nicht nur so leichtverstndliche wie "im Stadtberg", "im Brhl", "auf der Hhe", "an den Halden", "im Tobel", sondern auch recht geheimnisvolle "Im Hui", "im schnen Lachen", "im Gugus", "im Tubewinkel", "im Adler", "in Choetze" und "im Muschgi".

Und die Geschicklichkeit der Frauen und Tchter im Rebhandwerk wurde geschtzt! "Ja, mits Bbis Lisbeth (meiner Mutter, geborene Lehmann) htt en Ma guet frsi cho, die verschaht 's
Rebwerch, wenn sie nu lueget, sthnd d'Rebe da wie Soldate!" Oder "'s Richis Madlee chunnt scho en Ma ber, sie ist zwar nid schn, aber 's Werch verschaht sie usem Fundament." Oder: "So nimmt jetzt de Hegestffel-Chueri eini vo Agasul, so-n-en Oberlndere ist doch e Chue, wenn sie vor ere Rebe staht!"

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Und nun neben dem Rebbau die brigen Agrarverhltnisse von Tss. Sie waren recht klein. Die Wiesen? Vom Baumgarten an, der fast zu jedem Haus gehrte, lagen sie da und dort, so hinaus an die "Langgasse", namentlich links davon die sehr ertragreichen "Auen". Der Graswuchs gestattete aber keinem Bauern mehr als fnf bis sechs Stck Vieh zu halten, vielleicht auch nur zwei oder drei, doch stand vor jedem Haus an der Dorfstrasse ein goldener und in seiner Umrahmung fast knstlerisch geflochtener Miststock. Mist, die Ehre des Bauern! Daran hatte Tss immer zu wenig. Es wurden viele Wagen Abflle aus Winterthur zugefhrt. Heuet und Emdet waren kleine, doch hbsche Begebenheiten, die Mnner mit den Sensen in der Morgenfrhe, die Mdchen mit den braunen Armen, Gabel und Rechen geschultert.

Und man konnte dabei besonderes erleben. Draussen in den "Auen" waren ber Nacht Aale aus der Tss gestiegen und wanden sich durch das tauige Gras. Also am Feldfeuer durch die Sense zerschnittene gebratene Aale! [...]


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Jakob Christoph Heer, Schriftsteller (Geb. 17. Juli 1859 in Winterthur-Tss; Gest. 20. August 1925 in Zrich)