Fasnacht in Töss vor 70 Jahren

title1948kleinDer «Tössemer»-Redaktion ist auf verschlungenen Wegen ein schmales Bündel gelber Zeitungen zugespielt worden. Es sind sieben arg zerfledderte Ausgaben der Tössemer Fasnachtszeitung «Frösche Laich» aus den Jahren 1948 – 1953. Sie lassen den Schluss zu, dass zu jener Zeit das Fasnachtsfieber weit ausgelassener ausgelebt wurde und deutlich mehr Tössemerinnen und Tössemer erfasste als heute. Es lohnt sich, ein wenig in den Zeitzeugen zu schmökern.

Zum Preis von 50 Rappen wurde das vierseitige gelbe Blatt, herausgegeben vom Fasnachtskomitee Töss, einmal jährlich unter die Bevölkerung gebracht. 1948 erschien der erste Jahrgang, der aber in der Fasnachtszeitung «1. Jahrring» heisst, 1953 dann der «7. Jahrring». Die Namen der Schreiberlinge oder Herausgeber findet man nirgends, es dürften aber alles Männer gewesen sein. Der «Frösche Laich» führt den Untertitel «Inoffizielles Publikationsorgan sämtlicher organisierter Frösche von Töss und den Vororten Eulochalia, Geisslingen, Vorfeld und Dättnau». Wobei mit Elachalia Winterthur gemeint ist, Geisslingen ist Wülflingen und das Vorfeld ist das Tössfeld. Der Tössemer Frosch ist wirklich das durchgehende Motiv, der Hauptartikel auf der ersten Seite aller Ausgaben ist jeweils ein in Versform abgefasster Auszug aus dem Tagebuch des Froschkönigs. Darin werden Ereignisse des Vorjahres auf die Schippe genommen, wobei die Pointe nach gut 60 Jahren oft schwer auszumachen ist.

Der erste Jahrring: 1948
Auffällig ist, dass der Froschkönig oft persönlich wird. Dass mit «En Schiller a de Müllerstrass» wahrscheinlich ein Herr Müller an der Schillerstrasse gemeint ist leuchtet rasch ein, und falls noch Unklarheiten bestehen endet die Strophe mit «Uf all Fäll ganz en nette Fäger – er sei vo Bruef no Chrankepfläger». Unterstellt wird dem Herrn übrigens, was wir heute häusliche Gewalt nennen. Das «Mägdli a der Züristrass» in der nächsten Strophe, das mit der Mutter wegen Bauchweh den Arzt aufsucht und erfährt, dass sie bald Mutter wird, hat dies wohl ebenso wenig lustig gefunden wie die «eleganti Frau» des Dachdeckers, der vorgeworfen wird, sie gehe «i schöne lange Mannehose in Chranz ue goge Musig lose», wobei mit «Chranz» das frühere Café Kränzlin am Untertor gemeint ist, wo im Obergeschoss auch Tanzmusik gespielt wurde. Mit «Me hät en neue Pfarrer gsuecht – s'wott keine cho, s'isch wie verfluecht» wird dem damaligen Pfarrer vorgeworfen, er sei nicht nur verantwortlich, dass die Kirche am Sonntag fast leer bleibt, sondern er schrecke auch weitere Amtskollegen ab.
Damals hatte Töss noch sein eigenes Kino, das «Eden» an der Zürcherstrasse. Die Blattmacher kritisieren die Filmauswahl: «I eusem Kino <Paradies=  -   staht's mit de Filme öppe mies – Me meint hüt, es sei gar kei Wunder – für d'Frösche tüegs ja jede Plunder.»
Ein grösserer Beitrag befasste sich mit dem Umbau des Sekundarschulhauses, dem heutigen Schulhaus Zelgli. Dabei wird angekündigt, es werde auf dem Schulhausplatz ein Pausenkiosk erstellt, «wo die Schüler ihren steigenden Bedarf an Cigaretten und Patisserie» decken könnten Auch der Autor des Tössemerliedes, der Lehrer Ernst Kappler wurde auf die Schippe genommen: Es werde eine Aula mit Podium gebaut. «Auf demselben könnte dann dem initiativen Gesangslehrer Herrn Zappeler ein erstklassiger Pechsteinflügel zur Verfügung gestellt werden.» Und zu den Finanzen dann noch dieses: «Da es sich um ein städtisches Projekt handelt, haben sich die Herren Baumeister in verdankenswerter Weise bereit erklärt, die Ausführung des Baus zu den doppelten Kosten zu übernehmen.»
Das Verhältnis zur Stadt ist immer wieder Thema, sei es der Zustand der Kanalbadi im Rieterkanal, die Beleuchtung der Strassen ins Dättnau, besonders aber die Kontrolle der Polizeistunde durch die Stadtpolizei. Wie es 1948 mit dem FC Töss stand, geht aus dem «Frösche Laich» nicht hervor, hingegen erntet der FC Winterthur, der gerade in den Niederungen der 1. Liga spielt, viel Häme. Offenbar wurde 1948 auch das Frauenstimmrecht wieder einmal diskutiert und von den Narren kontrovers abgehandelt. Während ein ablehnendes Gedicht mit den Zeilen «Ihr Frauen nehmt's nicht übel mir – und denkt: Dein Mann meint's gut mit mir» schliesst, postulieren fiktive Kantonsbehörden folgenden Vorschlag: «Mit sofortiger Wirkung wird allen Männern, welche bei den nächsten Abstimmungen nicht zur Urne gehen das Stimmrecht entzogen. Die so frei werdenden Stimmrechte werden an aufrechte Stauffacherinnen gratis abgegeben.» Auch nationale Themen, wie die damalige Armeereform, finden sich im Blatt, zum Beispiel der Kampf der Pferdezüchter gegen die Beschaffung von Jeeps oder die Ausbildung der Küchenchefs zum Abschuss von Spatzen. Der Tomatenwurf auf Argentiniens First Lady Evita Peron in Bern bietet Anlass für ein eher gehässiges Gedicht. Der britische Ex-Premier Winston Churchill wird sogar als Gast für den Fasnachtsumzug angekündigt.
«Wer im <Frösche Laich> inseriert, ist fürs Leben angeschmiert» - bei dieser Werbung ist schon klar, dass diese wohl von keinen Inserenten bezahlt wird. Gesucht wird etwa von Berman Henz ein «Stellvertreter im Jassclub, der das Sauffen besser erträgt als ich». Auch die Neueröffnung einer Geldwäscherei an der Grenzstrasse durch eine Signorina Sauertrunk ist kaum ernst gemeint, insbesondere da keine Hausnummer genannt wird. Und das Verkaufsinserat für eine Menagerie von elf Löwen, die lahm und fromm sind und aus der Hand fressen, nimmt den Spott über den FCW nochmals auf.

Glorreiche Zeiten
Im Gegensatz zu heute feierten die Tössemer Narren in den Zeiten des «Frösche Laich» die Bauern- oder Alte Fasnacht, so wie es in Winterthur üblich ist. Sowohl am Sonntag als auch am Fasnachtsmontag fand ein grosser Fröschen-Umzug statt, in den auch die Kindergruppen integriert waren. Der Umzug führte am Sonntag und Montag auf unterschiedlichen Routen durchs Eichliacker, Tössfeld und Töss-Dorf. Wohl noch wichtiger als der Umzug waren die Maskenbälle in der Krone, oft in mehreren Sälen und mit verschiedenen Orchestern. Diese standen jeweils unter einem Motto wie «Im Reiche Neptuns» oder «Broadway of Töss», immer gehörte die Maskenprämierung dazu. Neben der Krone lud teilweise auch der Hirschen zum Maskenball, zahlreiche dekorierte Restaurants trugen zur Fasnachtsstimmung bei, und am Sonntagmorgen konnte man bereits um 5 Uhr an die Fröschen-Tagwach und anschliessend laut Fasnachtszeitung zu «Fröschenlaichsuppe in alle Wirtschaften».

Der 7. Jahrring: 1954
Die aktuellste Ausgabe des «Frösche Laich» in unserem Besitz stammt aus dem Jahr 1954. In dieser Nummer hat eine grosse Karikatur zur Bautätigkeit auf der Zürcherstrasse das Tagebuch des Froschkönigs von der ersten Seite verdrängt, auch sonst gibt es mehr Illustrationen und Zeichnungen. Die Themen sind wieder vielfältig: vom übermässigen Hundedreck an der Schneidergasse bis zur Neuordnung in Deutschland nach dem Krieg. Immer noch sind viele Geschichten sehr leicht zu dechiffrieren: Der Abwart Schuppisser vom Tössfeldschulhaus ärgert offenbar die Sportvereine, indem er ihnen nicht genügende entgegenkommt; ein gewisser Walter Kurz (oder Lang) wurde an der Ebnetstrasse 4 nachts beim Aprikosen stehlen gesehen; wie jedes Jahr hat ein Betrunkener sein Gebiss verloren und deshalb Ärger mit seiner Angetrauten, diesmal war es Herr Baumgartner von der Kernstrasse. Und hier noch eine deftige und immer noch aktuelle Strophe: «Wir stellen vor als Saperlöter, Hans Severing, den Schwerenöter! Die alte Regel ist geblieben, du musst und sollst die Nächsten lieben. Doch nirgends findet man geschrieben, du jede sollst ins Füdli chlüben.»
Noch etwas versöhnliches: So wie der Umzug ja auch das Tössfeld umfasste wird in manchen Ausgaben des «Frösche Laich» ausdrücklich zum gemeinsamen Feiern von Tössemer «Fröschen» und Tössfelder «Gruggen» aufgerufen, dies sei besser als sich die Köpfe einzuschlagen.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 12. Februar 2016 um 15:53 Uhr
 

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