webimgMer seit, mer seygid nu vo Tss, mer seygid frch und seygid bs, mer fluechid ruch und redid lang, und eusre Name hey k Klang, lautet der Anfang des Tssemerliedes. Ob jemand Text und die Melodie dieses Liedes vollstndig kenne? Diese Anfrage erreichte anfangs Sommer die Redaktion des Tssemers
Und schon begann die Suche.

Die Suche nach der in Vergessenheit geratenen, den Alt-Tssemern jedoch noch in Erinnerung gebliebenen Nationalhymne unseres Vorortes. Ein hilfreicher Hinweis auf das Tssemerlied fand sich in einer frheren Nummer unserer Quartierzeitung: 2003 hatte Helen Brunner-Kurz berichtet, Ernst Kappeler habe das Lied eigens fr die Tssemer Sekundarschler komponiert; diese seien damit sogar am Radio zu hren gewesen. Das war allerdings vor einigen Jahrzehnten! Aus Radio Beromnster ist unterdessen das neuzeitliche Schweizer Radio und Fernsehen SRF geworden. Es berraschte nicht, dass auf unsere Anfrage von dort die Antwort kam, das Tssemerlied sei nicht im zu Archiv finden. In lteren Archivbestnden gibt es aus verschiedensten Grnden Lcken, und anfnglich wurde auch nur ein kleiner Teil der im Radiostudio gemachten Aufnahmen aufbewahrt und archiviert.

Ernst Kappeler

Nher ans Ziel fhrte der Name Ernst Kappeler. Der Liedverfasser amtete von 1938 bis 1949 als Sekundarlehrer in Tss. Das war whrend der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Nur wenige erinnern sich noch an ihn. Andere wissen nicht mehr, dass das rosagetnchte Schulhaus an der Ecke Stationsstrasse/Zelglistrasse als Sekundarschulhaus gebaut worden ist und diese Aufgabe noch bis 1962 versehen hat. Kappelers Schulzimmer befand sich im obersten Stockwerk Richtung Gmeindhsli. Die Lehrerkollegen hiessen Hans Zollinger, Arnold Kern, Otto Hermann, Max Staenz und Andreas Graf. An deren Klassen hatte Kappeler zustzlich auch die Singlektionen zu erteilen. Er tat das offenbar so motivierend, dass es bald mglich wurde, mit dem Schlerchor auch ffentliche Auftritte zu bestreiten: Die Tssemer Sekundarschler sangen zum Beispiel anlsslich einer Spenden- und Kleidersammel-Aktion im Kirchgemeindehaus Liebestrasse und untersttzten damit (es war ja Kriegszeit) die Aktion Kinder singen fr Kinder. Vielleicht haben sie bei dieser Gelegenheit auch das Tssemerlied angestimmt.Ernst Kappeler, 19111987, muss ein musisch sehr vielseitig begabter Mensch gewesen sein. Dass einige Lehrer im Sekundarschulhaus ihn nicht ernster nahmen, schmerzte und verletzte ihn. Enttuscht notierte er in seinem Tagebuch: Nur die Kinder heben mich immer wieder ber alle Niedrigkeiten empor. Sie helfen mir. Und htte ich ihre Liebe nicht, ich weiss nicht, wohin ich zge. Gewiss, ein Pauker, ein Lehrer alter Schule war Kappeler nicht wollte er auch nicht sein. Ihn beflgelten andere Ideale. 1949 kndete er die Stelle in Tss und wechselte nach Zrich, wo er noch bis 1965 unterrichtete. Dann gab er den Lehrerberuf auf und arbeitete fortan als freier Schriftsteller. Die Nte und Sorgen der heranwachsenden Jugendlichen beschftigten ihn weiterhin. Fr sein literarisches Werk und fr seine erzieherischen Schriften fr Jugendliche und Erwachsene hat Kappeler verschiedene Preise erhalten.

Die zweite Strophe
Doch zurck zum Tssemerlied: Whrend schon die eingangs zitierte erste Strophe uns Tssemern keineswegs schmeichelt, charakterisiert uns die zweite Strophe noch drastischer: Me seit, mer seygid arm vo Hus, und eusre Chopf chm au nid drus, und berhaupt, me gsch eus a: vo Tss zum Himmel seys wyt z'gah. Kein Zweifel, da werden all die Vorurteile aufgezhlt, mit denen auch wir als Bewohner des Stadtteils Tss uns ab und zu konfrontiert sehen, nmlich: Tssemer seien frech und ungehobelt, ausserdem arm und nicht besonders hell.
Wie viel davon aber ist wahr? Das Tssemerlied lsst die negativen Behauptungen nicht unwidersprochen! Und schon tnt es den Herausforderern entgegen: Wnnts glaubsch, so muesch es slber ha, dnn d'Wlt blibt wge dem nid stah! Oder spter: Und dnn no eis, und tnk dnn dra: was ntzt eim s'Glt, es Hrz muesch ha. Herz beweisen und Zusammenhalt pflegen! Die Tssemer Sekundarschler haben diese Gedanken gut verstanden und das Lied mit grosser Begeisterung bei vielen Gelegenheiten immer wieder gerne gesungen.
Sogar Der Landbote hat von unserem Tssemerlied berichtet. Anlass war die Elektrifizierung der Bahnstrecke WinterthurBlach im Sommer 1945. Um diesen bahntechnischen Meilenstein gebhrend zu feiern, verkehrte am Samstag, 14. Juli 1945 ein festlich geschmckter Erffnungszug: eine mit Fahnentchern und Wappenfhnchen geschmckte elektrische Lokomotive der Baureihe Ae 3/6 mit vier damals modernen Leichtstahlwagen. Unter den geladenen Passagieren befanden sich Vertreter der SBB, der Zrcher Regierung und aller Anliegergemeinden von Winterthur bis Blach. Fr diesen Sonderzug, der um 10:34 Uhr in die Station Winterthur-Tss einfuhr und bis 10:40 Halt machte, hatten auch die Tssemer eine kleine Feier vorbereitet.
Der Landbote berichtete am folgenden Montag: Auf der Station Tss grssten die zehn Fahnendelegationen der Ortsvereine, die Stadtharmonie Eintracht schmetterte den harmonischen Willkommgruss in dur, whrend die Schlerschaft geradezu mit Selbstverleugnung ein von Ernst Kappeler verfasstes, ihre Tugenden auch gar negierendes Tssemerlied zum Vortrag brachte. Namens der Quartiervereine begrsste Gemeinderat Ernst Blatter die Eisenbahngste wie die zahlreich erschienenen Tssemer Leute und gab seiner Freude ber diese neueste Errungenschaft der Technik in trfen Worten Ausdruck.
Der Korrespondent hat die Textfeinheiten des Tssemerliedes wohl nicht ganz mitbekommen. Den Kindern aber, die das Lied einst gesungen haben, blieb es in guter Erinnerung. Auch Kappeler liess sich vom Zeitungskommentar nicht vergrmen. Als er spter, nun Sekundarlehrer in der Stadt Zrich, einen neuen Schlerchor aufbaute, holte er die Melodie des Tssemerliedes aus der Schublade und textete es neu. Di httig Jugend nannte er die aktualisierte Version. Kappelers Rbhgelmeitli prsentierten diesen Titel in den 1950erJahren sogar auf einer Schallplatte. Dieser Einspielung ist es zu verdanken, dass auch die Melodie des Tssemerliedes rekonstruiert werden konnte.

Die dritte Strophe
Dessen vershnliche dritte und letzte Strophe lautet:
Jetz si mer z'nd, de Schluss isch da, mer wnd jetz still uf d'Site stah,
eb Tss, eb Zri, Winterthur, eb Stetter oder Landschaftspur:
Mer wssed, das mer zmestnd und eus i Gfahr nid fahre lnd:
T'Wlt tret sich mit dir und mir, mit Hotel- und mit Rssligschir,
und wnnt du meintsch, mer seygid bs,
so tnk dnn dra: Mir sind vo Tss!

Der Schreibende bedankt sich bei allen Alt-Tssemerinnen und Alt-Tssemern, die ihn bei der Recherche untersttzt haben. Interessierte finden hier die Melodie und alle drei Strophen des Tssemerliedes.
Heinz Hinrikson-Wepfer

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 12. Februar 2016 um 15:39 Uhr
 

Suche

Agenda

Folgt uns auf

Twitter