Coop Toess

Coop ist in der Schweiz zu einem unbersehbaren Begriff geworden. Eine der Wurzeln des heutigen Detailhandelsriesen ist in Tss zu finden. Hier entstand aus dem 1865 gegrndeten Arbeiterverein eine der ersten Konsumgenossenschaften der Schweiz. Henry Mller hat die Fakten zusammengetragen.

Neben der politischen Ausrichtung war der Aufbau der genossenschaftlichen Selbsthilfe im Arbeiterdorf, nach dem Vorbild der Redlichen Pioniere von Rochdale, das zweite grosse Ziel. Schon im Jahr nach der Grndung begann der Verein, Wein und Kartoffeln anzukaufen und zum Selbstkostenpreis an seine Mitglieder abzugeben.

Diese Grndung war, wie an zahlreichen anderen Orten, mit grossen Hoffnungen verbunden, denn ihr erklrtes Ziel war es, die Arbeiterfamilien gegen die zu teuren Lebensmittel zu schtzen. Den Trgern dieser Konsumvereine fehlte es aber so ziemlich an allem, ausser am Idealismus, um ein Konsumgeschft zu fhren. Sie hatten keine sicheren Bezugsquellen und verfgten auch nicht ber die ntigen kaufmnnischen Kenntnisse. Deshalb verschwanden diese Selbsthilfeorganisationen zum Teil sehr rasch wieder von der Bildflche.

Schwieriger Beginn in Tss
Auch das vom Arbeiterverein Tss aufgezogene Konsumgeschft litt anfnglich unter den gleichen Mngeln. Da die Arbeiterfamilien die bezogenen Lebensmittel nicht bar bezahlen mussten und teilweise whrend lngerer Zeit schuldig blieben, bestand das Vereinsvermgen zeitweise fast nur aus dubiosen Guthaben, was die Existenz des Vereins stark gefhrdete. An der Generalversammlung vom 16. Februar 1866 genehmigten die Mitglieder deshalb Statuten, welche das Konsumgeschft besser regelten. Da die Verantwortlichen aber auch damals noch nicht wagten, ein Ladenlokal zu mieten, wurden mit zwei Lieferanten Vertrge abgeschlossen, welche den Mitgliedern Lebensmittel gegen sogenannte Werthmarken verkauften. Die Lieferanten verpflichteten sich, dem Arbeiterverein einen Rabatt von acht Prozent zu gewhren, von welchem den Mitgliedern zwei Drittel zurckerstattet wurden. Damit hatte die Rckvergtung, welcher in der Gruppe whrend Jahrzehnten grosse Bedeutung beigemessen wurde, Eingang gefunden.

Das erste Ladenlokal
Gemss der ersten Rechnung, die fr den Zeitraum vom 28. September 1868 bis 28. Februar 1869 erstellt wurde, war das Interesse der Mitgliedschaft an dieser Art Geschftsbetrieb sehr gering, denn es konnten nur Waren im Wert von 559.21 Franken umgesetzt werden. Die unbefriedigende Entwicklung veranlasste den Arbeiterverein per 1. Mrz 1869, dann doch ein Ladenlokal zu mieten. Der Mitgliedschaft gewhrte man fr die Warenbezge einen vierzehntgigen Kredit. Verkufe an Nichtmitglieder durften nur gegen bar oder auf das Risiko des Verkufers erfolgen.

Kauf einer ersten Liegenschaft
Am 1. Dezember 1872 stimmten die Mitglieder an einer ausserordentlichen Generalversammlung dem Kauf einer Liegenschaft an der Zrcherstrasse zu. Dort befindet sich heute das Coop-Supercenter. Dazu stellte der Verfasser der Jubilumsschrift zum 25-jhrigen Bestehen des Arbeitervereins im Jahre 1890 fest: Wenn heute auch zugegeben werden muss, dass der Kauf des Hauses dem Verein, oder wenigstens dem Konsumgeschft, zu seiner Entwicklung grosse Vorteile brachte, so muss dieser Entscheid bei den damaligen Verhltnissen ein khnes Unterfangen genannt werden, das den Verein auch leicht htte dem Untergang entgegenfhren knnen.
Toess Frieden Konsum kleinDie Liegenschaft kostete fr damalige Verhltnisse die nicht geringe Summe von 35000 Franken, bauliche Vernderungen weitere 4000 Franken. Mit verschiedenen Massnahmen versuchte der Arbeiterverein die finanzielle Situation zu konsolidieren. So wurden die Eintrittsgelder und die Monatsbeitrge erhht sowie der Austritt aus dem Verein durch die Erhebung einer Gebhr von 20 Franken erschwert. Zudem erklrten sich die Mitglieder solidarisch haftbar und verpflichteten sich, eine Obligation von 20 Franken zu zeichnen. Zudem nahm der Vorstand ein Brgschaftsdarlehen von 10000 Franken auf, das spter auf 15000 Franken erhht wurde. Der Bezug des Verkaufslokals an bester Lage konnte im Mai 1873, die Bckerei im Sommer des gleichen Jahres erffnet werden.

Ungestme Geschftsentwicklung
Im Rechnungsjahr 1872/73 stieg der Umsatz auf 54807 Franken und der Gewinn auf 1016 Franken. Aber schon im folgenden Geschftsjahr schloss die Rechnung mit einem grsseren Verlust ab, was zur Folge hatte, dass ein Verwalter angestellt wurde. Mit dessen Eintritt begann das Konsumgeschft stark zu expandieren. Im Laufe weniger Jahre erfolgten in Tss, Wlflingen, Brtten, Niederneunforn, Tuttwil, Diessenhofen, Stammheim und Frauenfeld weitere Filialerffnungen. Die Entwicklung war aber zu ungestm und die Lden konnten von Tss aus nicht richtig bewirtschaftet und kontrolliert werden. In Diessenhofen brannte zudem der Verkufer mit der Kasse durch. So musste ausserhalb der Stadt Winterthur ein Depot nach dem andern wieder aufgegeben werden. Die hohen Abschreibungen und Amortisationen hatten zur Folge, dass der Verein seinen Mitgliedern nicht mehr die erwarteten Rckvergtungen entrichten konnte. Deshalb sank die Mitgliederzahl Jahr fr Jahr und betrug 1882 noch 67 Getreue. Die materiellen Vorteile waren fr viele Mitglieder nicht mehr interessant genug, und sie frchteten sich zudem vor den allflligen Folgen der Solidarhaft. So sah die vielgerhmte Pionierzeit in der Konsumgenossenschaft Tss in Wirklichkeit aus! Ende 1887 bestanden fnf Verkaufsstellen, drei in Tss und je eine im Tssfeld und in Wlflingen. Am 26. Mrz 1890 trat der Arbeiterverein Tss als Grndungsmitglied dem Verband Schweizerischer Konsumvereine (V.S.K.) bei. Zehn Jahre spter zhlte der Verein 246 Mitglieder und der Umsatz betrug 256642 Franken.

Trennung von Politik und Geschft
Immer mehr wirkte sich die Doppelfunktion mit einem politischen und einem geschftlichen Teil lhmend auf die Entwicklung des Arbeitervereins aus. Bereits im Geschftsbericht 1902/03 stossen wir deshalb auf folgende interessante Feststellung: Der Arbeiterverein Tss war ursprnglich ein politischer Verein. Nach und nach entwickelte er sich zu einem Konsumverein, und heute bildet das Konsumgeschft wohl unbestritten den Kernpunkt seines Daseins. Bei der Aufnahme in denselben wird nicht mehr nach der Parteifarbe gefragt, man untersucht nur die Zahlungsfhigkeit und eventuell den Leumund.
Am 15. Dezember 1912 wurden die Konsequenzen aus dieser Situation gezogen und die Trennung beschlossen. Der politische Arbeiterverein fusionierte mit dem Grtliverein und nannte sich ab 1. Januar 1914 Sozialdemokratische Partei Tss. Das Konsumgeschft wurde unter dem Namen Konsumverein Tss und Umgebung als selbstndige Genossenschaft weitergefhrt.

Fusion mit dem KV Winterthur
Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte unter den Genossenschaften in Winterthur eine heillose Zersplitterung, die eine erfolgreiche Entwicklung verhinderte. So konkurrenzierten sich an verschiedenen Orten bis zu drei genossenschaftlich organisierte Unternehmen. Diese Situation zwang die Verantwortlichen zu Fusionsverhandlungen. Entscheidenden Auftrieb erhielten diese durch analoge Bestrebungen auf politischer Ebene, die ebenfalls seit Jahren im Gange waren. Am 4. Mai 1919 hiess das Zrchervolk das Eingemeindungsgesetz gut und legte den Grundstein zur Schaffung von Grosswinterthur, bestehend aus der Stadt Winterthur und den fnf Aussengemeinden Oberwinterthur, Seen, Tss, Veltheim und Wlflingen. Nach jahrelangen, schwierigen Verhandlungen beschlossen auch Konsumverein Winterthur und Konsumgenossenschaft Tss am 5. September 1921 den Zusammenschluss. Einer der Streitpunkte war bis zuletzt die Tssemer Sterbekasse, die bestehen blieb. Die Konsumgenossenschaft Tss zhlte vor ihrer Auflsung 1888 Mitglieder und erzielte in 14 Verkaufsstellen, darunter drei Spezialgeschfte, einen Umsatz von rund 2 Millionen Franken, der Konsumverein Winterthur 3,8 Millionen Franken. Der 52. und letzte Geschftsbericht wurde fr die Zeit vom 5. Juli 1920 bis 3. September 1921 erstellt.

Ein zukunftsweisender Schritt
Die Fusion der beiden damals grssten Konsumgenossenschaften der Region erwies sich als zukunftsweisende Lsung. Bedingt durch weitere Neugrndungen stieg die Zahl der dem V.S.K. angeschlossenen Genossenschaften trotz zahlreicher Fusionen bis 1950 gesamtschweizerisch auf die Rekordhhe von 572 Unternehmungen an. Der Konsumverein Winterthur, der sich 1974 in coopAltCoop Winterthur umbenannte, erlebte bis Anfang der Achtzigerjahre insgesamt neun Zusammenschlsse, von denen diejenigen mit Coop Schaffhausen (1977) und Coop Mittelthurgau (1980) die bedeutendsten waren. Eine Signalwirkung auf die Entwicklung der Gruppe hatte die Fusion von Coop Ostschweiz mit Coop Winterthur im Jahre 2000, denn nur ein Jahr spter schlossen sich die 14 letzten bestehenden Regionalgenossenschaften und Coop Schweiz zu einem einzigen Unternehmen zusammen. Damit schaffte die Coop-Gruppe, die gegenwrtig rund 2,5 Millionen Mitglieder zhlt, die Voraussetzungen fr ein erfolgreiches Bestehen im immer hrter werdenden Wettbewerb des Detailhandels. In Tss und dem angrenzenden Tssfeld finden wir gegenwrtig zwei Coop-Supercenter, je einen Bau+Hobby und Interdiscount sowie eine Fust-Filiale. Vergessen wir aber nicht, dass ganz am Anfang dieser Entwicklung die Konsumgenossenschaft Tss ein kleines aber trotzdem wichtiges Glied in dieser Kette war.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 09. Februar 2015 um 09:40 Uhr
 

Suche

Agenda

Folgt uns auf

Twitter